„50 Jahre TSV – Frank Gabbert zum Ehrenmitglied ernannt“

Als er am 1. Mai 1969 in den TSV Glinde eintrat, hatte Frank Gabbert große Lust auf Fußball – aber im Leben nicht daran gedacht, dass er 50 Jahre später für diesen Club immer noch mit Leidenschaft über den Rasen läuft. Über 1000 Spiele absolvierte er bislang für Glinde und schoss dabei mehr als 700 Tore, seit 2006 fungiert er als Fußballabteilungsleiter des Vereins. Und jetzt ist der 58-Jährige, der, wenn er nicht bei den Supersenioren dem Ball nachjagt, als Leitender Konzernbetriebsprüfer beim Finanzamt arbeitet, zum TSV-Ehrenmitglied ernannt worden. Mannschaftskamerad Andreas Leicht sprach mit „Frankie“ – über Drogen auf dem Platz, Spiele, die man nicht vergisst, und das Projekt seines Herzens.


Frank, wie begann eigentlich Deine Karriere beim TSV Glinde?
Minibubis hießen damals die kleinen Kicker. Und von denen wollte ich unbedingt einer sein. Zwei Tage nach meinem Eintritt in den TSV hatte ich schon mein erstes Punktspiel – am 3. Mai 1969 gegen Wacker 04 auf dem alten Sportplatz in der Mühlenstraße an der Ecke zur Möllner Landstraße, dort, wo heute das Mühlencenter steht. Herr Dietz war mein erster Trainer. Aber was noch besser war: Er hatte auch einen Job als mobiler Eisverkäufer, und so verteilte er anschließend oft ein Eis, was natürlich mächtig motivierte. Doch bald gab es eine Droge, die stärker war als Eis: Tore schießen. Mit Dirk, dem Sohn des Trainers, machte es im Sturm so richtig Spaß, und wir erzielten in der Jugend in einer Saison gemeinsam über 60 Treffer. Auch zur Freude meines Vaters: Der war damals schon mein größter Fan und fuhr mich und meine Mitspieler mit seinem VW Käfer zu jedem Auswärtsspiel. Großartig so einen Papa zu haben.

...im ersten Punktspiel am Ball

Nachdem Du alle Jugendteams durchlaufen hattest, kamst Du mit 18 Jahren in die 1. Herrenmannschaft, wurdest sofort Stammspieler und trugst mit vielen Toren dazu bei, dass Deine erste Saison mit Meisterschaft und Bezirksliga-Aufstieg gekrönt war. Gab es ein Spiel, das Du heute noch so im Kopf hast, als wäre es gestern gewesen?
Ja, es war der 8.8. 82. Einen Tag zuvor wurde unsere Tochter Nadine geboren. Dieses wundervolle Ereignis hatte mir offenbar so viel Euphorie verliehen, dass ich im Pokalspiel gegen den höherklassigen Landesligisten Barsbütteler SV zum Matchwinner wurde. Ich erzielte den Ausgleichstreffer zum 1:1, und als der Schiedsrichter kurz vor Spielende einen Elfmeter für uns pfiff, war mir klar: Den muss ich schießen! Das Ding ging rein, wir gewannen 2:1, und es wurde richtig abgefeiert. Ein unvergessliches Erlebnis.

...die 1.Herren des TSV 1978/1979 / Meisterschaft und Bezirksligaaufstieg ( Gabbert / hintere Reihe links) 
 
Wer solche Spiele entscheidet, braucht einen guten Coach. Wer war das für Dich?
Der beste Trainer, den ich je hatte, kam zwei Jahre später. Edgar „Eddy“ Puchmüller war ein hervorragend ausgebildeter Fußball-Lehrer und ein perfekter Motivator. Auch ihm ist es zu verdanken, dass mich die „Bergedorfer Zeitung“ damals mehrfach in ihrer Elf des Tages aufnahm – diese Zeit war sicherlich der sportliche Höhepunkt in meiner Laufbahn als Ligafußballer.

Weckte das nicht Begehrlichkeiten bei anderen Clubs?
Einmal erhielt ich wirklich eine ernsthafte Anfrage. Der damalige Trainer von Voran Ohe hatte mich angerufen und mit einer kleinen Aufwandsentschädigung zu einem Wechsel überreden wollen. Ich lehnte ab. Die Freude und die Kameradschaft, die mir der TSV Glinde bot, war einfach das überzeugendere Argument. 1987 verschoben sich dann ohnehin die Prioritäten. Unser Sohn André kam zur Welt – leider in der Fußball-Sommerpause, sonst hätte es vermutlich wieder so ein besonderes Fußballspiel am Folgetag gegeben. Denn meine Euphorie nach der Geburt war natürlich genauso groß wie bei unserer Tochter. Zweifacher Vater, Ehemann, dazu wollte ich beruflich weiter vorankommen und studieren – da musste der Fußball langsam in den Hintergrund treten.

Aber vom Bällchen konntest Du bestimmt nicht lassen?
Natürlich nicht. In der damaligen Reservemannschaft kickte ich mit viel Spaß, aber etwas geringer Trainingsbeteiligung weiter. Und als ich 30 wurde, überzeugte mich Harry Streich, der Spielertrainer der 3. Herren, zu einem Wechsel in sein Team. Ich dankte es dem guten Harry gleich im ersten Spiel auf meine Art: viermal Gabbert beim 4:3 in Schwarzenbek. Nach dieser Saison, 1992, riefen meine alten Kumpels aus Ligazeiten nach mir – allen voran Hansi Walther, Wolfgang Brinkmann, Manfred Schwarz und Hartmut Wollburg. Sie hatten sich mittlerweile in der Alten Herren versammelt und spielten in der höchsten Klasse Hamburgs. Da traf ich dann auf drei Haudegen, mit denen ich heute noch auf dem Platz stehe: einen pfeilschnellen Stürmer namens Jörn Wilkens, Abwehrbollwerk Detlef Sievers und Reinhold Zucht, einem Dribbelkünstler vom Feinsten. Es folgten viele schöne Jahre mit tollen Ausfahrten und Feiern und natürlich sportlichen Erfolgen – Staffelmeisterschaften und Pokalsiege inbegriffen. Dieser Weg führte mich über die Senioren- bis in die Supersenioren-Mannschaft, mit der wir aktuell wieder Staffelmeister geworden sind. Was will man mehr?

...Hamburger Pokalsieger 2014 - Heinzi Will Pokal -

So sind ja unzählige Wochenenden zusammengekommen, die Du für Deinen Verein im Einsatz warst. Welches davon war das schönste?
Das war im Juni 2009. Wir veranstalteten das 25. Jubiläums-Ferkelturnier mit 32 Mannschaften. Bei bestem Fußballwetter flossen der Schweiß und das Bier. Am Abend hatten wir zudem ein Konzert mit Lotto King Karl auf die Beine gestellt. Über 1000 Leute kamen, und die  Alten Herren waren sich nicht ganz sicher, ob sie am nächsten Morgen fit genug sind. Denn da war das Hamburger Pokalfinale Glinde gegen Wandsetal angesetzt. Wir gewannen 3:0 – und feierten gleich weiter.

Du hast nicht nur als Torjäger den Verein geprägt. Seit dreizehn Jahren trägst Du auch als Leiter der Fußballabteilung Verantwortung für den TSV. Die erste Zeit war ja nicht ganz einfach…
Das stimmt. 2006 war die Fußballabteilung im TSV Glinde de facto führungslos, Finanzen und Strukturen in einem desolaten Zustand. Lange hatte ich mich gegen die Annahme des Amtes gewehrt, aber da mir der TSV eben am Herzen liegt, ließ ich mich halb überzeugen und halb überreden, die Leitung der Fußballabteilung zu übernehmen. Es musste ein tiefes Tal durchschritten werden. Ich erntete viel Kritik, als ich unsere Ligamannschaft vom Spielbetrieb abmeldete. Doch dieser Schritt war aus meiner Sicht unvermeidbar gewesen. Die Ligaspieler kamen damals nicht aus der eigenen Jugend, hatten für viele Skandale und hohe Strafgelder gesorgt. Alle Versuche den Spielbetrieb aufrechtzuerhalten, waren erfolglos geblieben und hatten das Ansehen des TSV Glinde gefährdet. Mit der A-Jugend Mannschaft von Mario Scheck, Andreas Fischer und Rainer Lorenz gelang glücklicherweise schnell der Neuaufbau, mehr noch: Er wurde zu einer Erfolgsgeschichte. Aus der Kreisklasse ging es flott wieder über die Kreisliga bis in die Bezirksliga. Und überdies folgte eine 2. Herrenmannschaft um Frank Kehr, Oliver Schomburg und Stefan Brandt, die den gleichen erfolgreichen Weg beschritt.

Und dann kam Dein großes Projekt, für das Dir alle Glinder Fußballer ein Leben lang dankbar sind, oder?
Ja, wahrscheinlich. Aber es ist eben auch immer wieder eine Freude, auf dem Kunstrasenplatz zu spielen. Seine Realisierung ist sicherlich mein wichtigster Beitrag in den 50 Jahren als Mitglied des TSV Glinde. 2012 habe ich das „Projekt Kunstrasenplatz“ in Angriff genommen. Die Finanzen des Vereins waren durch Altlasten, vor allem durch den mit Millionenverlusten begleiteten Hotelverkauf, immer noch miserabel. Genauso wie die Sportanlage: Der Grandplatz verdiente nur ein Wort, nämlich Katastrophe, und vermieste uns den Spaß am Fußballspielen. Ich entwickelte ein Konzept, wie man den alten Acker in einen Kunstrasenplatz umwandeln könnte, und stellte es im Vorstand und bei der Stadt vor. Doch die Umsetzung des Projektes wurde von allen Seiten wegen der Finanzlage des Vereins und der Stadt als aussichtslos eingeschätzt. Ich habe dann alles auf eine Karte gesetzt und mir gesagt: Entweder du schaffst es mit deinem Unterstützer-Team, oder du hörst im TSV Glinde komplett auf – mit allen Konsequenzen. Mit großer Unterstützung aus der Fußballabteilung haben wir dann für unser Projekt geworben und Gelder für den Kunstrasenplatz gesammelt, mit Kunstrasenplatz-Patenschaften, Veranstaltungen, Sonderbeiträgen und Spendenaufrufen.

Das hat dann die Skeptiker überzeugt?
Das hat jedenfalls den Bürgermeister und die Stadtvertreter so beeindruckt, dass viele Gespräche stattfanden, um nach Wegen zu suchen, wie der Kunstrasenplatz doch realisiert werden könnte. Im Januar 2015 gab es dann endlich grünes Licht für die Finanzierung, und im Juni 2015 wurde der Kunstrasenplatz eingeweiht. Was für ein Gefühl. Und welch ein Glück: Nur wenige Wochen später stellte die Flüchtlingswelle Deutschland und seine Kommunen vor eine riesengroße Herausforderung, gerade auch in finanzieller Hinsicht. Wären die Gelder im Haushalt der Stadt nicht bereits bewilligt gewesen, wäre wohl die Realisierung des Projekts Kunstrasenplatz beim TSV Glinde auf viele Jahre hinaus nicht mehr möglich gewesen. Nun, das Märchen wurde wahr. Und das Tollste ist, dass ich jetzt gegenüber vom Sportplatz wohne und jeden Tag aus dem Fenster meines Badezimmers auf den Kunstrasenplatz schauen kann. 

    

...seine Lieblingsspielwiese!

Was für ein großer Einsatz, als Funktionär und als Spieler. Sylvia, deine Frau, wird nicht immer begeistert gewesen sein…
Ich hab mit ihr einfach Glück gehabt. Als es im Mai 1977 zwischen uns mit der sogenannten Liebe auf den ersten Blick funkte, hat Sylvia mich gefragt, ob wir uns am nächsten Tag wieder sehen wollen. Ich sagte ihr, dass ich Fußball spielen und das nächste Treffen verschieben müsse. Gottseidank hat sie das nicht abgeschreckt und mich trotzdem geheiratet – obwohl sie früh wusste, dass der Fußball für mich einen besonderen Stellenwert im Leben hat. Klar, manchmal hat sie das auch geärgert. Aber als es um den Kunstrasenplatz ging, hat sie mich nach den vielen Rückschlägen immer wieder aufgebaut und unterstützt. Dafür danke ich ihr sehr.

Was Du im und mit dem TSV erlebt hast, reicht für drei Fußball-Karrieren. Aber wie man Dich kennt, gibt es bestimmt noch genug Pläne für die Zukunft.
Ja, ich möchte gerne noch ein paar Jahre mit den Supersenioren in der Ü55 kicken, wenn die Knochen, vor allem die Kniegelenke mitmachen. Die Leitung der Fußballabteilung mit meinem tollem Vorstandsteam macht mir nach wie vor so viel Spaß, dass ich voraussichtlich noch einmal zur Wahl des Abteilungsleiters in 2020 für weitere zwei Jahre antreten werde. Dem TSV werde ich aber wohl in irgendeiner Funktion immer erhalten bleiben. Doch schalten wir erstmal die Zukunftsmusik aus. Denn weißt Du, worauf ich mich schon seit 50 Jahren immer wieder am meisten freue? Auf das nächste Spiel!